Warum klappt das Stillen nicht?

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Warum klappt das Stillen nicht?

So., 04/26/2020 - 21:25
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Das Stillen ist eine sehr intime und wichtige Interaktion zwischen Dir und Deinem Baby. Diese Stillbeziehung ist sehr wichtig für die optimale Entwicklung Deines Kindes.

Das Zeitproblem

Leider hat sich unsere Gesellschaft immer mehr in eine „Stress- und Hetz-Gesellschaft“ verwandelt, sodass Zeit in vielen Geburtskliniken eine Mangelware ist und sich so eine ungünstige Krankenhausroutine entwickelt hat. Leider wirkt sich diese oft nicht gerade positiv auf die aufkeimende Stillbeziehung aus, sondern eher negativ. Unmittelbar nach der Geburt wird hier schon (teilweise) massiv in die Beziehung von Mutter und Kind eingegriffen. Der natürliche Ablauf nach der Geburt wird manchmal vom Krankenhauspersonal gestört.

Leider fehlt es in vielen Geburtskliniken an geschultem Fachpersonal (Stillberaterin oder Laktationsberaterin IBCLC), welche Mutter und Kind zu einem optimalen Stillstart geleiten könnten. Diese Verkettung von negativen, äußeren Gegebenheiten in der Geburtsklinik, führt leider auch oft dazu, dass Frauen nicht stillen können oder wollen. Und dies, obwohl sie biologisch dazu in der Lage gewesen wären!

Stillhemmnis Nummer eins: die Medikamente

Während der Geburt werden manchmal sehr viele Medikamente eingesetzt. Dabei handelt es sich um Wehenmittel, Narkotika oder andere Schmerzmittel bzw. Medikamente. Die Medikamente wirken natürlich nicht nur bei der Mutter, sondern natürlich auch bei Deinem Baby! Die betroffenen Babys sind deshalb nach der Geburt oft sehr benommen und müde. Es wird deshalb nicht seinem natürlichen Such-und Andock-Instinkt nachkommen und nach der Brust suchen. Bedingt durch die Müdigkeit, wird es also selten und wenn dann meist nur sehr schwach an der Brust saugen. Durch diese fehlende Stimulation wird Dein Körper dann nicht automatisch bzw. vielleicht nicht in ausreichender Form die notwendigen Hormone bilden, um die Milchproduktion anzuregen.

Ebenfalls wirken sich Infusionen negativ auf einen natürlichen Stillstart aus. Durch die Infusionen kann es zu Schwellungen im Brustbereich der Mutter kommen, welche dann zu einer Überwässerung beim Kind führen können. Der Appetit Deines Kindes kann so beeinträchtigt sein und auch das Andocken wird erschwert. Diese Situation führt natürlich ebenfalls dazu, dass die Milchbildung nicht in ausreichender Form erfolgen kann.

Wenn es möglich ist, dann sollte die Geburt auf jeden Fall ohne die Gabe von Medikamenten erfolgen. Sofern dies aufgrund der Schmerzen nicht möglich ist, so sollten auf jeden Fall Schmerzmittel eingesetzt werden, die nachweislich weniger Auswirkungen auf das Kind haben! Egal, ob nun Medikamente verabreicht worden sind oder nicht: die ersten Stunden nach der Geburt sind für einen guten Start in die Stillzeit entscheidend. Denn auch wenn Dein Kind vielleicht sehr müde ist und nicht richtig saugen will, kann Dir eine erfahrene Stillberaterin genau Anleitung geben, was dann zu tun ist.

Sehr wichtig ist zum Beispiel der Hautkontakt zwischen Mutter und Kind. Lege Dein Baby auf Deine nackte Haut und ermögliche den Kontakt zu Deiner Brustwarze (auch wenn das Kind nicht saugen möchte). Alleine der Hautkontakt zu Deinem Kind wird die wichtige Hormonproduktion schon anregen. Daneben sollte Deine Brust auch mit einer Milchpumpe oder per Hand entleert werden, um die Milchbildung anzuregen. Dein Körper muss nun mit der natürlichen Produktion von Muttermilch beginnen und benötigt dazu einfach einige Schlüsselreize. Ermögliche Deinem Kind auf jeden Fall auch das „breastcrawl“.

Problem Nummer 2: Die Trennung

Eine natürliche Beziehung zwischen Mutter und Kind kann natürlich auch nicht entstehen, wenn diese direkt nach der Geburt getrennt werden. Leider war dies früher in den Geburtskliniken die übliche Praxis und wurde erst im Laufe der Jahre immer mehr reduziert bzw. abgestellt. Die Trennung wirkt sich nicht nur negativ auf die emotionale Verbindung zwischen Baby und Mutter aus, sondern natürlich auch negativ auf die mögliche Stillbeziehung. Denn wie wir bereits erläutert haben, ist der Hautkontakt zwischen Mutter und Kind immens wichtig.

Das Kind muss bestenfalls auf den nackten Bauch der Mutter gelegt werden, sodass es Nähe und Wärme spüren kann. Es kann seine Mutter riechen und wird mit dem natürlichen Such- und Andock-Instinkt den Weg zur Brustwarze suchen. Dieses „breastcrawling“ ist unheimlich wichtig und sollte dem Baby auf jeden Fall ermöglicht werden. Der ganze Prozess kann bis zu sechzig Minuten dauern und ist eine schöne Erfahrung für jede Mutter. Gib Deinem Kind diese Zeit und ermögliche so einen wundervollen Stillstart.

Wenn Dein Kind noch müde durch die Medikamente ist, so kann der ganze Prozess deutlich länger dauern. Du solltest diesen Vorgang aber auf keinen Fall unterbrechen oder verhindern, da es überhaupt keinen Grund dafür gibt. Du hast Zeit, denn bist noch einige Tage im Krankenhaus. Der Prozess sollte auch auf keinen Fall von irgendwelchen Routinemaßnahmen im Krankenhaus gestört oder sogar unterbrochen werden.

Routineuntersuchungen im Krankenhaus

Es gibt keine Notwendigkeit, die Zeit bis zum ersten Stillen durch diese Routineuntersuchungen im Krankenhaus zu unterbrechen. Bestehe darauf, dass die ersten Stunden nur Dir und dem Baby gehören, sodass der Stillstart mit dem ersten, erfolgreichen Stillen beginnen kann. Die ersten Stunden gehören nur Dir und Deinem Baby! Erst wenn Dein Baby glücklich und zufrieden nach dem ersten Stillen eingeschlafen ist (meist nach den ersten zwei bis drei Stunden, können einige Dinge erledigt werden.

Falls das Stillen in den ersten ein bis zwei Stunden nicht geklappt hat, so sollte das Kolostrum (die erste Muttermilch) per Hand ausgestrichen werden und an das Kind verfüttert werden. In der Regel sollte dies ungefähr acht bis zwölf Mal an einem Tag stattfinden. Das Kolostrum wird dann vorsichtig mit einem Löffel verfüttert. Dies ist wichtig, um die weitere Milchbildung anzuregen. Denn ohne Nachfrage erfolgt keine Produktion. Dieser Grundsatz gilt für Deine ganze Stillzeit.

Falls das erste Stillen nicht geklappt hat, kannst Du Dein (meist sehr müdes) Baby immer wieder an Deine Brust legen und seine Lippen mit Deiner Brustwarze in Berührung kommen lassen. Dies wird dann den Suchreflex und den Saugreflex Deines Babys auslösen.

Probleme nach dem Kaiserschnitt

Der Kaiserschnitt hat sowohl für die Mutter, wie auch für das Kind gravierende Auswirkungen. Durch die Medikation und durch die Schmerzen kann der Milchspendereflex der Mutter gestört sein. Dein Baby wird vermutlich ebenfalls etwas durcheinander sein, da es noch gar nicht mit der Entbindung gerechnet hatte (die Wehen fehlen bei einem geplanten Kaiserschnitt ja komplett). Diese Verwirrung kann dazu führen, dass der natürliche Suchreflex noch gar nicht aktiv ist.

Wenn also sowohl die Mutter, wie auch das Kind noch unter den Strapazen des Kaiserschnitts leiden, dann kann es zu einem schwierigen Stillstart kommen. Der Milcheinschuss kann sich verzögern und eine Zufütterung kann in einigen Fällen notwendig werden. Bei einem Kaiserschnitt ist das Risiko für Stillprobleme also deutlich höher als bei einer normalen, natürlichen Geburt. Deshalb empfiehlt sich hier auf jeden Fall die Unterstützung von einer Stillberaterin oder eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC einzufordern. Auch hier versuchen diese, die möglichen Startprobleme mit einem frühen und häufigen Anlegen zu beheben. Auch ist die Entleerung und das verfüttern von dem nährstoffreichen Kolostrum immens wichtig für das Kind und natürlich auch für die Milchbildung. Denn es gilt immer der Grundsatz: die Nachfrage bestimmt das Angebot. Und wenn die Brust nicht vollständig entleert wird, dann wird die Milchproduktion nicht richtig in Gang kommen können.

Die Trennung im Wochenbett

In vielen Krankenhäusern und Geburtskliniken ist das Stillen direkt nach der Geburt schon ein normaler Ablauf. Zumindest versucht man dies der Mutter im ersten Schritt zu ermöglichen. Kleinere Unterbrechungen (siehe oben) können den Aufbau der Stillbeziehung jedoch erschweren. Leider sehen die Kliniken das sogenannte 24-Stunden Rooming-In (die Mutter ist die ganze Zeit mit dem Kind zusammen) aber noch nicht als selbstverständlich an. Dies erschwert natürlich ein frühes und rechtzeitiges Erkennen von Hungerzeichen bei Deinem Kind. Das Kind sollte nämlich schon bei den ersten Hungerzeichen (Saugbewegungen oder Hin- und Herbewegung des Kopfes) zum Stillen angelegt werden. In dieser Phase ist es noch nicht aufgeregt oder wohlmöglich sogar verärgert. Wenn das Kind vor Hunger schreit, dann ist dies schon ein sehr spätes Hungerzeichen.

In vielen Krankenhäusern werden die Kinder in der Nacht eingesammelt und müssen im sogenannten Säuglingszimmer schlafen. So soll sich die Mutter erholen können. Ebenfalls ist die Bettensituation in den Kliniken oft sehr ungünstig, da Mutter und Kind nicht zusammen in einem Bett schlafen können (es ist einfach zu schmal). Diese Situation und natürlich auch die Selbstverständlichkeit, mit der dies im Krankenhaus so festgelegt ist, verführt rund 90 Prozent der Mütter dazu, die Kinder abzugeben. Beim nächtlichen Stillen muss die Mutter also erst einmal wieder wach werden, das Bett verlassen und zum Kinderbett gehen um das Baby dort aufzunehmen. Der ganze Vorgang ist recht kompliziert und anstrengend für die Mutter. Wenn die Mutter mit ihrem Kind in einem Bett schlafen könnte, dann könnte das Stillen für beide im Halbschlaf erfolgen und die Mutter wäre auf keinen Fall so erschöpft und gestresst.

Lies Dir hier einmal unseren Bericht zu dem Thema „Nachts Stillen“ durch. Die Nähe und der Hautkontakt machen das Stillen so einfach und normal. Sobald eine räumlich Distanz zwischen der Mutter und dem Kind vorliegt, muss das Stillen natürlich auch schwieriger werden und wird die Mutter eher erschöpfen. Genau deshalb gibt es in einigen Krankenhäusern bereits Beistellbetten für die Babys, damit diese nah bei der Mutter schlafen können. Die Trennung von Baby und Mutter schafft nur unnötige Stillprobleme: die Milchproduktion wird nicht oft genug angeregt, es wird zuwenig Muttermilch produziert, durch die lange (Nacht)Zeit ohne Entleerung der Brust kommt es zu einer Brustdrüsenschwellung oder einem Milchstau mit wunden Brustwarzen, es kann zu psychischen Problemen (Wochenbettdepression, fehlendes Selsbtbewusstsein) bei der Mutter führen.

Neben einigen Problemen bei der Mutter kann die Trennung natürlich auch Angst und Sorgen bei dem Kind auslösen. Es ist ganz natürlich, dass es dann weint und nach der Mutter ruft. In der frühen Geschichte und überhaupt in der ganzen Evolution bedeutete die Trennung von der Mutter meist den Tod des Kindes. Dies dürfte eine angeborene Stressreaktion und Panik bei dem Kind auslösen. Wenn Babys immer bei der Mutter sind und diese auch noch durch den direkten Hautkontakt spüren, dann wird man kaum ein Baby weinen oder gar schreien hören. Schon mal drüber nachgedacht?

Fehler beim Anlegen

Nicht immer klappt das Stillen und das Finden der idealen Stillposition automatisch und einfach. Gerade wenn sich Mütter zu viele Gedanken machen oder durch die Umgebung geradezu in Stillprobleme getrieben werden, dann kann eine Anleitung durch eine Stillberaterin eine gute und einfache Lösung sein. So werden weitere, größere Probleme vermieden. Informiere Dich also bereits im Vorfeld über die Stillkenntnisse des Fachpersonals in der Klinik. Gibt es eine ausgebildete Stillberaterin oder sogar eine Kinderkrankenschwester, welche eine Ausbildung zur Still- und Laktationsberaterin IBCLC absolviert hat? Dies wäre perfekt, weil diese Dir direkt nach der Geburt assistieren können und der Stillstart so auf jeden Fall gelingen wird.

Denn wenn Du das Stillen mit einer ungünstigen Stillposition durchführst, dann kann Dein Kind vielleicht nicht gut und einfach trinken und es entstehen neue Probleme, durch Fehlhaltungen oder unnatürlichen Quetschungen Deiner Brustwarze. Die Brustwarze kann dann wund werden und sehr schmerzen. Zu diesem Thema findest Du ebenfalls einen Bericht auf Stillgruppen.de! Schau Dir hier die wichtigen Anlegepositionen an.

Wenn Du keine Geduld hast

Stillen ist ein natürlich Prozess, den man nicht erzwingen kann. Stillen hat sehr viel mit Liebe und Natürlichkeit zu tun und so macht es also überhaupt keinen Sinn, wenn Du Deinem Kind die Brustwarze regelrecht in den Mund drücken willst. Gibt Deinem Kind die Zeit und die Ruhe sich alleine an Deine Brust und die Brustwarze anzunähern.

Leg Dich einfach einmal hin und lege Dein Baby auf Deinen nackten Körper. Beobachte, wie es von ganz alleine auf die Reise zu Deiner Brustwarze geht. Übe nie Druck auf Dein Kind aus. Lass alles natürlich geschehen.

Zufüttern stört die Stillbeziehung

Sobald sich die Mütter von ihrer Umgebung „verrückt machen lassen“, kann es zum sogenannten „Zufüttern“ kommen. Dies ist aber nicht wirklich sinnvoll, denn diese Aktion kann mehr Schaden anrichten, als sie hilft. Wir haben bereits mehrfach erwähnt, dass die vollständige Entleerung der Brust unbedingt notwendig ist, für die Anregung der Milchproduktion. Wenn Dein Kind aber gar nicht mehr soviel trinkt, weil es vom Zufüttern satt gemacht wird, dann können ungewollte Probleme auftreten. Deshalb darf die Zufütterung nur wegen einer medizinischen Notwendigkeit erfolgen und sollte mindestens von einer Stillberaterin begleitet werden. Bei der Zufütterung sollte auf keinen Fall eine Flasche verwendet werden, da dies zu einer sogenannten Saugverwirrung führen kann.

Benutze auf keinen Fall einen Schnuller

Die Nutzung eines Schnullers während der Stillzeit sollte auf jeden Fall vermieden werden. Denn wenn Dein Kind sich schon an dem Schnuller „satt gesaugt“ hat, so wird es vielleicht nicht mehr mit seiner ganzen Kraft und Laune an Deiner Brust saugen. Die Folge ist wieder eine unzureichende Entleerung Deiner Brüste und einer reduzierten Produktion von Muttermilch, wenn Du Deine Brüste nicht selbstständig, manuell noch vollständig entleerst. Durch den Schnuller kann das Kind auch durcheinander gebracht werden und saugt vielleicht zu stark an Deiner Brustwarze. Dadurch kommt es zu einer Saugverwirrung und wohlmöglich auch wunden Brustwarzen. Weitere Stillprobleme sind also vorprogrammiert. Sofern es also irgendwie möglich ist, empfehlen wir die Nutzung von Schnullern zu vermeiden.

Der Schnuller

Zeitdruck und Stress durch Uhrzeitstillen

Dein Kind wird Dir von ganz alleine signalisieren, wann es gestillt werden möchte. Ein Stillen zu bestimmten Uhrzeiten ist also absolut nicht angezeigt. Es ist unnatürlich und führt eventuell auch dazu, dass Dein Kind sich gestört fühlt in seinem eigenen Bedarfsempfinden. Es wird ja nur wirklich gut trinken, wenn es auch Hunger hat. Achte also einfach auf die bekannten leichten Hungerzeichen und biete Deinem Kind dann die Brust an. Wenn es Bedarf hat, wird es eigenständig den Weg zur Brustwarze finden.

Unser Fazit

Wenn das Stillen nicht immer direkt gut klappt, dann ist dies nicht automatisch das Ende der Stillbeziehung. Tausche Dich in einer Stillgruppe aus oder lass Dich im Notfall direkt von einer Stillberaterin oder einer Still- und Laktationsberaterin unterstützen. Zögere damit nicht zu lange, da die Stillprobleme andernfalls immer komplizierter und schwieriger werden. Wir wünschen Dir also viel Erfolg und eine wunderbare Stillzeit. Dein Stillgruppen.de!