Das lange Stillen und die Selbständigkeitsentwicklung des Kindes

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Das lange Stillen und die Selbständigkeitsentwicklung des Kindes

Fr., 01/17/2020 - 18:00
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Wenn der Babywunsch da ist und die Zeit mit dem Nachwuchs geplant wird, dann suchen die zukünftigen Eltern schon nach Ratschlägen rund um das Baby. Viele Fragen wirft das Thema Stillen auf und hier ganz besonders die Frage: "Wie lange darf man stillen?"

Die Vorfreude auf das eigene Kind und viele Fragen von jungen Eltern

Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, irgendwann einmal eigene Kinder zu haben. Schon sehr junge Menschen sehen sich als künftige Eltern, auch wenn ihnen vermutlich lediglich ein familiäres Selbstverständnis vorgelebt wurde, das sie schlicht übernehmen. Sobald die Zeit dann herangereift ist, in der man selbst Elternteil werden kann, stellen sich mehr und mehr Fragen.

Allen jungen oder auch werdenden Eltern sind die Sorgen bekannt, die sie umtreiben in ihrem Wunsch, ihrem Kind den besten Start ins Leben zu geben. In dieses große Ziel mischt sich unweigerlich auch die Angst, Fehler zu machen, manchen Aufgaben nicht gewachsen zu sein oder falsche Entscheidungen zu treffen. Meistens sind solche Befürchtungen natürlich völlig unbegründet - und dennoch sind sie da und verlangen nach Beruhigung und Aufklärung. Ein Thema ist dabei stets besonders präsent und wird kontrovers diskutiert – das Stillen.

Die natürliche und erste Nahrung für dein Baby - ein Vorwort

Das Stillen gilt seit jeher als der natürlichste Vorgang nach der Geburt des Babys. Das gilt per se für alle Säuger, zu denen der Mensch nun mal auch gehört. Dennoch birgt das Stillen auch Unsicherheiten und Ängste. Wir Menschen haben jedoch den Vorteil, uns nicht nur von unserer Natur lenken lassen zu müssen, sondern auf Erfahrungen und Hilfe zurückgreifen zu können. Neben den eigenen Eltern und Angehörigen, gibt es Hebammen, Mediziner, Wissenschaftler und Laktationsberaterinnen und selbstverständlich die vielen Muttis weltweit, die ihre eigenen Erfahrungen einbringen und teilen. Für Mamis, die bereits ein Kind zur Welt gebracht und gestillt haben, bleibt das Wunder der Geburt zwar bestehen - Unsicherheiten aber werden größtenteils durch Erfahrungen ersetzt.

Dabei ist es erstaunlich, dass nicht nur die Mami selbst auf selbst erlebte Erfahrungen zurückgreifen kann, sondern auch ihr eigener Körper. Bei Frauen, die bereits ein Baby gestillt haben, reagiert ihr Körper - speziell ihre Brust - anders als bei Erstgebärenden. Salopp gesagt, erinnert sich die Brust an die Vorgänge bei der ersten bzw. den vorangegangenen Geburten und das sich daran anschließende Stillen. Der Körper - die Brust im Speziellen - sind vorbereitet, auf diese neue und natürliche Aufgabe.

Wie der Körper der Schwangeren sich auf das Stillen vorbereitet

Während der Schwangerschaftsmonate bereitet sich der Körper der werdenden Mama auf die Geburt des Babys vor. Dazu gehört auch die Vorbereitung der Brust auf das Stillen. Dieser natürliche Vorgang wird hormonell gesteuert durch die so genannten Geschlechtshormone, das Östrogen und das Progesteron. Mit Hilfe dieser Hormone verändert sich nicht nur der weibliche Körper allgemein, sondern auch die Brust im Speziellen. Sie wird größer und durch das Wachsen der Milchkanäle und Milchdrüsen auf das Stillen vorbereitet.

Nach der ersten Geburt und dem Stillen des ersten Kindes wird dieses einschneidende Erlebnis im "Gedächtnis" des weiblichen Körpers dauerhaft gespeichert. Hierbei kommt es zu einer Methylierung des DNA - Stranges - ein Vorgang, der in der Wissenschaft als Epigenetik bezeichnet wird. Bei jeder weiteren Schwangerschaft greift der weibliche Körper auf diese gespeicherten Erfahrungen zurück und alle Vorgänge verlaufen anscheinend viel einfacher.

Baby Stillen

Unsicherheiten beim ersten Stillen

Die größten Unsicherheiten macht sich die junge Mama meistens selbst. Wie bereits erwähnt, möchte jede Mutter ihrem Kind den besten Start ins Leben geben und bestenfalls auch alles richtig machen. Oft bestehen dabei Unsicherheiten beim richtigen Anlegen des Babys an die Brust. Neben der körperlichen Vorbereitung, die jede Schwangere während der Schwangerschaft durchlebt und bei der der weibliche Körper sowohl auf die Geburt des Kindes als auch auf das Stillen vorbereitet wird, sollte die Schwangere sich auch mental auf das Leben mit ihrem Baby vorbereiten. Dazu gehört es, frühzeitig eine Bereitschaft zu entwickeln, sein Baby stillen zu wollen.

Das Stillen unterlag zudem von jeher dem gesellschaftlichen Wandel und der gesellschaftlichen Stellung sowie der Form des öffentlichen Umgangs mit diesem nach wie vor sehr intimen und besonderen Thema. Erstaunlicherweise haben wissenschaftliche Studien herausgefunden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Bildungsstand der werdenden Mutter und der Bereitschaft zum Stillen, wonach Frauen mit einer umfangreicheren Ausbildung meistens etwas länger stillen, als Frauen, die eine einfacherer Ausbildung genossen haben.

Langes Stillen bzw. Langzeitstillen - was ist das überhaupt?

Zu einem der interessantesten und meist diskutierten Themen gehört das Stillen – speziell das Langzeitstillen. Dabei suggeriert der Begriff "Langzeitstillen" fast etwas Negatives - ähnlich wie ein Langzeitstudium. Es klingt, als würde ein ansonsten kürzer verlaufender Entwicklungsschritt absichtlich verlängert - doch das ist nicht der Fall.

Das Stillen ermöglicht dem Baby den optimalen Start ins Leben

In der Muttermilch befindet sich alles, was das Baby braucht, um sich gesund entwickeln zu können, ein stabiles Immunsystem aufzubauen und langfristig einen weitreichenden Schutz vor schweren Krankheiten zu haben. Doch nicht nur das Baby profitiert von diesem natürlichen Schutz, sondern auch die Mama. Diese - von der Weltgesundheitsorganisation - WHO - verifizierten Fakten haben die Stillbereitschaft werdender Mütter in den letzten 10 bis 15 Jahren wesentlich erhöht. Zwischenzeitlich geben mindestens 82 Prozent der jungen Mütter ihren Babys in den ersten 7 bis 8 Monaten die Brust.

Das so genannten Langzeitstillen beginnt in der Regel aber erst nach dem 6. Stillmonat. Auch hier zeigt die Kurve der jungen Mamis, die ihr Baby bereit sind, über den 6. Monat hinaus zu stillen, nach oben. Dennoch ist dieses Thema leider immer noch von viel Unwissen und Vorurteilen geprägt. Manche junge Mutti, die ihr Baby auch länger als 2 Jahre stillt, sieht sich selbst heute noch Vorurteilen und Anfeindungen und vielerlei Besserwisserei ausgesetzt.

Die Vorteile und die Nachteile des langen Stillens

Zunächst sollte klar sein, dass Stillen ein natürlicher Vorgang und in den allermeisten Fällen auch gesund ist und dem Baby damit nicht nur gute Voraussetzungen, sondern eindeutig gesundheitliche Startvorteile bringt, je länger es gestillt wird. Darüber hinaus ist das Versorgen mit Muttermilch eine persönliche und sehr intime Entscheidung der stillenden Mutter und zunehmend auch des gestillten Kindes.

Das Stillen erfüllt dabei weit mehr Funktionen als die Versorgung des Körpers des Babys mit lebensnotwendigen, passgenauen Nährstoffen, sondern es hat auch eine soziale Funktion. Diese beginnt zunächst in der innigen Bindung zwischen Mutter und Kind und sie spendet Trost, Schutz und Vertrauen. Wissenschaftler und Stillexperten empfehlen mindestens eine Stillzeit von 6 Monaten für jedes Kind. Zumindest die Versorgung mit Muttermilch sollte in dieser Zeit sichergestellt sein, um das Kind mit allen lebensnotwendigen Stoffen zu versorgen, die es für den Start in sein Leben braucht und bestmöglich vor Allergien, Umwelteinflüssen, Infektions- und Tumorerkrankungen geschützt zu sein.

Alles, was darüber hinausgeht, ist eine definitiv zu begrüßende und positive Zugabe für die körperliche, psychische und seelische Entwicklung des Kindes. Wie lange diese Bereitschaft zum Stillen vorhanden ist, hängt dann mit zunehmendem Lebensalter des Kindes nicht nur von der Mutter sondern auch von dem gestillten Kind ab.

Empfehlung der WHO

Geht es nach der WHO, spricht demnach nichts dagegen, sein Kind gerne auch weit über das zweite Lebensjahr hinaus zu stillen. Die WHO betont dabei ausdrücklich, dass dies für alle Mütter weltweit gilt und nicht an einzelne Länder gebunden ist. Ganz besonders Kinder in Entwicklungsländern würden jedoch durch diese perfekt auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmte Versorgung durch die Muttermilch profitieren.

Langes Stillen, gesellschaftlicher Diskurs und die Entwicklung des Kindes

Wenn eine Mutter offen berichtet, ihr Kind noch im Vorschulalter zu stillen, obwohl es längst andere Nahrung zu sich nimmt, spricht, läuft, spielt und vielleicht sogar schon lernt, sportliche Regeln einhält, ggf. Ballett tanzt oder Klavier spielen lernt, dann stößt dies oft auf Verwunderung, ja gar auf Ablehnung.

Und in der Tat, mutet das für Aussenstehende mitunter als seltsam an, doch das Stillen ist eben viel mehr als die bequeme, quasi maßgeschneiderte Versorgung mit Nährstoffen, bei der Kinder im Alter von fünf, sechs oder sieben Jahren natürlich nicht mehr zwangsläufig darauf angewiesen sind, auf diesem Wege Startvorteile für das Leben zu erhalten. Stillen bedeutet Nähe, Vertrauen, Trost und Geborgenheit. Und das auf beiden Seiten.

Gleichzeitig aber bietet Stillen auch einen Hinweis darauf, wenn das Kind Probleme hat und sich in seiner Umgebung nur schwer einfügen kann oder sich nicht wohl fühlt. Insofern gibt ein so langes Stillen auch Hinweise auf die seelische und/oder körperliche Verfassung des Kindes und fungiert hier als Signal!

Langzeitstillen

Langzeitstillen ist ein Signal

Wenn ein Kind im Vorschulalter in seiner persönlichen, seelischen Not immer noch wortwörtlich an die Mutterbrust flüchtet, wird das von Kritikern des langen Stillens oft als befremdlich empfunden und dabei auf eine Unselbständigkeit des Kindes umgedeutet. Psychologen sehen hierin jedoch keinen Zusammenhang.

Stillen fördert die Entwicklung

Auch bezüglich des Intellekts des Kindes hat ein längeres bzw. ein langes Stillen keinerlei negative Auswirkungen. Ganz im Gegenteil. Wissenschaftler wollen bei Kindern, die sehr lange gestillt wurden, sogar einen Vorsprung bei der Intelligenzentwicklung nachgewiesen haben, die bis zu 3 IQ-Punkte ausmacht. Damit gehen dann oft auch bessere schulische Leistungen einher. Zusammengefasst bedeutet das also, dass ein Kind umso mehr Startvorteile hat, je länger es gestillt wurde. Und das wiederum ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie viele lebensnotwendige, bioaktive Inhaltsstoffe die Muttermilch - speziell für das jeweils eigene Baby bereit hält. Viele lebensnotwendige Metabolismen werden hier ganz gezielt und perfekt angekurbelt, z.B. der Fettstoffwechsel, aber auch Enzyme, Antikörper, Spurenelemente, die Zusammensetzung des persönlichen Mikrobioms u.v.m.

Kind und Mutter

Fazit: langes Stillen und Selbständigkeitsentwicklung

Wenn man nun die Frage stellt, ob eine sehr lange Stillzeit die Selbständigkeitsentwicklung behindert, kann man dies nach heutigem Kenntnisstand eindeutig verneinen. Es geht hier vermutlich eher um die gesellschaftliche Akzeptanz, Kinder im Vorschulalter noch zu stillen. Zu einer eigenen Persönlichkeit entwickelt sich das Kind jedoch bereits seit dem ersten Lebensjahr und von da an ständig weiter.

Wie lange die Mutter ihr Kind stillen und wie lange das Kind gestillt werden möchte, ist allein in der unanfechtbaren, gesunden Beziehung zwischen Mutter und Kind begründet. Länger gestillte Kinder weisen in aller Regel ein besseres Sozialverhalten und eine robustere seelische Gesundheit auf. Dabei sind besonders lange Stillzeiten - wie etwa bis zum 7. Lebensjahr - ganz sicher ohnehin die Ausnahme. Dennoch ist gegen diese Ausnahme im Prinzip nichts einzuwenden.

Stillgruppen.de wünscht eine schöne Stillzeit mit viel Liebe und Glück! Möchtest Du Dich zum Thema Langzeitstillen austauschen? Hier kannst Du gerne Deine Frage im Forum stellen.