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Mit
freundlicher Genehmigung von Gabi Hohmann, 1. Vorsitzende der LLL- Deutschland e.V.
Abstillen
– wann und wie? Die
Geschichte des Abstillens
Blickt
man in die Geschichte zurück und betrachtet die Welt insgesamt, erstreckt
sich die Stillzeit eher über Jahre als über Monate. Laut Margaret Mead
und Niles Newton (1967) liegt die allgemeine Norm bei zwei bis vier
Jahren. Erst
im Jahre 1800 wurde in den meisten der angesehenen englischen Schriften über
Kinderpflege das Abstillen bereits im Alter von zwölf Monaten empfohlen.
Es gibt aus dem Jahre 1725 schriftliche Äußerungen, die das Stillen von
Vierjährigen mit Missfallen beurteilen, was ein Hinweis darauf ist, dass
im 18. Jahrhundert eine bedeutende Anzahl von Vierjährigen noch gestillt
wurde. 1850 empfahlen die meisten „Experten“ das Abstillen mit elf
Monaten. Zu dieser Zeit bezog sich die öffentliche Kritik auf die
gestillten Zweijährigen. In
anderen Kulturen rund um die Welt hielt sich eine ausgedehnte Stillzeit
viel länger, und an manchen Orten ist sie auch heute noch verbreitet. Bis
ins frühe zwanzigste Jahrhundert stillten Mütter in China und Japan ihre
Kinder bis zum Alter von vier bis fünf Jahren. Bei einer 1945 durchgeführten
Untersuchung an 64 „primitiven“ Kulturen wurde nur eine gefunden, bei
der es deutlich wurde, dass ein Kind bereits mit sechs Monaten abgestillt
wurde (Mead und Niles, 1967). Bei
dem Versuch, ein „natürliches“ Abstillalter, unabhängig von
kulturellen Beeinflussungen, zu bestimmen, erforschte Katherine A.
Dettwyler, eine Anthropologin der Universität von Texas, was über das
Abstillalter bei Primaten und anderen Säugetieren bekannt ist (1994).
Nachdem sie die Kriterien untersucht hatte, die zur Bestimmung des natürlichen
Abstillalters anderer Säugetiere herangezogen wurden (Gewichtszunahme,
das Verhältnis zur Größe des ausgewachsenen Tieres, das Verhältnis zur
Tragzeit und dem Alter beim Durchbruch der bleibenden Zähne), berechnete
sie, dass das entsprechende Abstillalter beim Menschen zwischen drei und
sieben Jahren liegen müsse. Auch wenn für uns das Wissen über die Säugegewohnheiten anderer Säugetiere und das Stillen in anderen Zeitepochen und an anderen Orten interessant ist und eine erweiterte Betrachtungsweise erlaubt, so mögen solche Zahlen in unserem Kulturkreis eher exotisch anmuten. Es kann jedoch einer heutigen Mutter eine Rückversicherung dafür geben, dass längeres Stillen eine normale Form menschlichen Verhaltens ist.
Abstillen
in der heutigen Zeit
In
westlichen Kulturen ist längeres Stillen heutzutage unpopulär und wenig
verbreitet. Durch die stillfeindliche Entwicklung dieses Jahrhunderts, die
aggressive Werbestrategie der Babynahrungsindustrie, mangelnde und
fehlende Informationen des Gesundheitspersonals und nicht zuletzt durch
fehlende Vorbilder werden junge Mütter im Normalfall vom längeren
Stillen abgehalten. In
Deutschland beträgt die durchschnittliche Stillzeit nur noch wenige
Monate, ein hoher Prozentsatz von Neugeborenen wird bereits im Wochenbett
oder kurz danach abgestillt. Befragungen zeigten, dass nach vier Monaten
nur noch 33,2% der Babys ausschließlich von der Brust ernährt wurden,
nach sechs Monaten waren es sogar nur noch 9,8% (SuSe-Studie, Ernährungsbericht
2000 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung). Diese Zahlen sind
erschreckend und dabei wahrscheinlich noch positiver als die Wirklichkeit.
Forscher stellten in einer Untersuchung fest, dass 65% aller Frauen, die
ihr Baby mit drei Monaten oder jünger abgestillt hatten, wünschten, sie
hätten länger gestillt. Mehr als die Hälfte der Frauen, die ihr Baby
mit vier bis sechs Monaten abgestillt hatten, bedauerten, sie so früh
abgestillt zu haben (Rogers,
1987). Beobachtungen zeigen, dass Mütter, die Stillgruppen besuchen oder
in anderer Form Kontakt mit anderen stillenden Familien haben, im
Durchschnitt länger stillen. Die
Bedeutung des Stillens auch über die Säuglingszeit hinaus ist
unbestritten. Muttermilch ist eine wertvolle Ergänzung zum sonstigen
Speiseplan eines Kleinkindes; durch die in der Muttermilch enthaltenen
Abwehrstoffe leiden gestillte Kleinkinder weniger häufig und weniger
stark an bestimmten Erkrankungen. Auch für die psychosoziale Entwicklung
eines Kindes ist das Stillen von hohem Wert: langzeitgestillte Kleinkinder
erfahren in ihrer frühen Kindheit ein hohes Maß an Zuwendung und
Sicherheit, was sie zu selbstbewussten kleinen Persönlichkeiten
heranwachsen lässt. Die amerikanische Akademie der Kinderärzte (American Academy of Pedeatrics) empfiehlt eine Stillzeit von einem Jahr, Unicef zwei Jahre und darüber hinaus, wenn Mutter und Kind dies wünschen.
Der
„richtige“ Zeitpunkt zum Abstillen
Abstillen
bedeutet eine tiefgreifende Änderung im Umgang zwischen Mutter und Kind.
Wie jede andere größere Veränderung, so wird auch diese von einer Reihe
verschiedenster Gefühle begleitet. Im Allgemeinen hängt die Einstellung der Mutter zum Abstillen, bzw. der Zeitpunkt des Abstillens von folgenden Faktoren ab: ·
Alter des Kindes: Die Wertung der Mutter darüber, wie lange
„lange genug“ ist, hängt von ihren eigenen Empfindungen dem Stillen
gegenüber ab, jedoch auch, in welchem kulturellen Umfeld sie lebt. Manche
Mütter sind dem Druck nicht gewachsen, den andere Menschen hinsichtlich
des Stillens auf sie ausüben. ·
Krankheit oder Medikamenteneinnahme der Mutter: In den
wenigsten Fällen ist das Abstillen bei Krankheit der Mutter notwendig.
Auch bei den meisten Medikamenten ist Stillen nicht kontraindiziert. Im
Einzelfall muss dies mit dem behandelnden Arzt abgestimmt werden. ·
Krankheit des Babys: In den allerwenigsten Fällen ist bei
Krankheit des Babys das Abstillen angeraten, ganz im Gegenteil:
Muttermilch liefert wertvolle Abwehrstoffe auch bei individuellen
Erkrankungen eines Babys, was die Krankheit meist kürzer und weniger
schlimm verlaufen lässt. ·
Erneute Schwangerschaft: In den
meisten Fällen wird bei einer weiteren Schwangerschaft vom behandelnden
Gynäkologen zum Abstillen geraten mit der Begründung, das Stillen schade
dem Ungeborenen. Außer bei vorzeitigen Wehen, die in Ausnahmefällen
durch das beim Stillen ausgeschüttete Oxytocin verschlimmert werden können,
ist jedoch das Abstillen in einer Schwangerschaft unter physischen
Gesichtspunkten nicht notwendig. · Die Mutter fühlt sich durch die Pflege des Babys überfordert: in Situationen starker Übermüdung der Mutter oder in besonderen Stresssituationen wird oft zum Abstillen geraten. Stillen ist jedoch weit weniger aufwendig als das Zubereiten von Fläschchen und übt nicht nur auf das Baby, sondern auch auf die Mutter eine beruhigende Wirkung aus. Es gibt keinen allgemeingültigen „richtigen“ Zeitpunkt zum Abstillen. Der Zeitpunkt des Abstillens ist individuell verschieden und muss von jeder Mutter und ihrem Kind selbst bestimmt werden. Grundsätzlich ist das Stillen eine Partnerbeziehung, die beide Beteiligten genießen sollen. So wenig, wie man ein Baby zum Stillen „zwingen“ kann, so wenig sollte eine Mutter sich verpflichtet fühlen, weiter zu stillen, obwohl sie eigentlich nicht mehr bereit dazu ist.
Verschiedene
Abstillmöglichkeiten
·
Abruptes Abstillen Erwägt
eine Mutter, abrupt abzustillen, fühlt sie sich möglicherweise grundsätzlich
überfordert und unter Druck gesetzt. Abruptes Abstillen kann ein
emotionales Trauma beim Baby auslösen, denn Stillen ist mehr als nur eine
Art der Ernährung, es stellt für das Baby eine vertraute Quelle für Nähe
und Trost dar. Auch für die Mutter zieht plötzliches Abstillen möglicherweise
körperliche Beschwerden und gesundheitliche Komplikationen nach sich. Der
Körper der Mutter produziert auch nach dem Abstillen weiterhin Milch.
Wird diese Milch nicht entleert, werden die Brüste übervoll, und es
kommt zu einem Milchstau, der zu einer Brustentzündung oder einem Abszess
führen kann. Außerdem können plötzliche Hormonschwankungen nach dem
Abstillen bei der Mutter Depressionen auslösen oder verstärken. Das beim
Stillen freiwerdende Hormon Prolaktin steht im Zusammenhang mit
Wohlbefinden. Plötzliches Abstillen führt zu einem plötzlichen Abfall
des Prolaktinspiegels, wodurch in den ersten Monaten postpartum Trauergefühle
und Depressionen ausgelöst werden können. ·
Allmähliches
Abstillen Unabhängig
davon, ob das Abstillen von der Mutter oder vom Baby ausgeht, ist allmähliches
Abstillen für beide einfacher und weniger belastend als plötzliches
Abstillen. Möchte eine Mutter mit dem Abstillen beginnen, empfiehlt es
sich, dies als einen allmählich verlaufenden Prozess zu planen. Indem sie
nicht mehr als eine Stillmahlzeit pro Woche weglässt, ermöglicht sie es,
dass sich ihre Milchmenge langsam zurückbildet, ohne dass die Brust übervoll
wird und ihr Unannehmlichkeiten bereitet. Außerdem wird sichergestellt,
dass das Baby sich langsam an andere Nahrungsmittel gewöhnt. Auch sollte
es zusätzliche liebevolle
Aufmerksamkeit als Ersatz für die Nähe erhalten, die zwischen der Mutter
und dem Baby beim Stillen bestand. ·
Natürliches Abstillen Beim natürlichen Abstillen werden die Bedürfnisse des Kindes respektiert, das heißt der Abstillzeitpunkt wird dem Kind überlassen. Wie bei allen anderen Meilensteinen in der Entwicklung eines Kindes, ist auch das Alter, in dem sich ein Kind von alleine abstillt, sehr unterschiedlich.
Vorteile
einer längeren Stillzeit Auch
wenn längeres Stillen in der westlichen Welt nicht so verbreitet ist wie
in anderen Kulturen, bietet eine Stillzeit, die über das erste Lebensjahr
hinausgeht, Vorteile für Mutter und Kind. ·
Eine Stillzeit von mindestens einem Jahr steht im
Zusammenhang mit einer besseren Entwicklung des Mundes (Muskulatur und
Motorik) und des Gaumens, was eine bessere Sprachentwicklung zur Folge
haben kann. ·
Stillen bietet eine natürliche Möglichkeit zur
Befriedigung des kindlichen, nicht mit der Ernährung im Zusammenhang
stehenden Saugbedürfnisses. ·
Untersuchungen weisen darauf hin, dass gestillte Kleinkinder
gesünder sind. Es wurde festgestellt, dass der Gehalt an immunologisch
wirksamen Bestandteilen der Muttermilch während des ersten und zweiten
Jahres der Stillzeit hoch bleibt (Goldman, 1983), dass 16 bis 30 Monate
alte gestillte Kleinkinder weniger Krankheiten durchmachen, dass die
Erkrankungsdauer kürzer ist und dass sie weniger Medikamente benötigen
als ihre nicht gestillten Altersgenossen (Gulick, 1986). In Entwicklungsländern
können die gesundheitlichen Vorteile, die sich aus einer ausgedehnten
Stillzeit ergeben, den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. ·
Stillen bietet Trost, wenn ein Kleinkind müde, verstört,
krank oder verletzt ist. Muttermilch ist eine schnell verdauliche und gut
verträgliche Nahrungsquelle für ein krankes Kind. · Die durch das Stillen entstehende Nähe fördert die Beziehung des Kindes zu seiner Mutter und sorgt für emotionale Beständigkeit in einer Zeit schnellen Wachstums und rascher Entwicklung ·
Für die Mutter besteht ein Vorteil längeren Stillens in
der empfängnisverhütenden Wirkung, die auch im zweiten Lebensjahr des
Kindes noch anhalten kann. ·
Außerdem entspannen die Stillhormone die Frau weiterhin und
gestalten das Leben mit einem Kleinkind angenehmer und stressfreier. · Das Risiko, vor der Menopause an Brustkrebs oder später an Osteoporose zu erkranken, sinkt kontinuierlich mit steigender Stillzeit (Romieu, 1. et al. Breast Cancer and Lactation History in Mexican Women. Am J Epidemiol 1996;143(6), S. 543-552). Für
die meisten Mütter besteht die größte Schwierigkeit beim natürlichen
Abstillen darin, mit den Meinungen anderer zurechtzukommen. Befragungen
zeigten, dass für Mütter in einer solchen Situation der Kontakt zu
stillfördernden Organisationen, wie z.B. einer Stillgruppe, die größte
Unterstützung darstellte. Quellenangabe:
Handbuch für die Stillberatung, 1. Auflage September 2000 ( Nancy
Mohrbacher und Julie Stock, Herausgeber La Leche Liga Deutschland e.V.) Literaturempfehlung:
Wir stillen noch (Norma Jane Bumgarner, Herausgeber La Leche Liga
Deutschland e.V.) Copyright: Gabi
Hohmann 1.
Vorsitzende La Leche Liga Deutschland e.V. Postfach
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